Nadeshda kniet im Garten und zupft winzige Karottenpflanzen aus der Erde. „Vereinzeln“ nennt der Großvater das. Es ist wichtig, dass die Pflanzen Abstand zueinander haben. Nur so können dicke, große Karotten heranwachsen. Vor zwei Wochen hat sie die winzigkleinen schwarzen Samen in die Erde gestreuselt, in die schnurgeraden Rillen, die der Großvater ächzend gezogen hat. Und dann haben sie mit der Gießkanne das Wasser aus der Regentonne darüber gegossen, bis die Erde schwer und feucht war. Jeden Tag, seit der Großvater im Krankenhaus ist, hat Nadeshda den Garten gehegt und gepflegt. Es fühlt sich gut an, so, als würde sie dem Großvater, diesem stocksteifen, strengen Mann, die Bettdecke sorgfältig über die magere Brust legen und an den Füßen schön feststopfen.

Seit ein paar Tagen nun schauen die Karottenpflänzchen aus der Erde. Daneben wachsen die Radieschen, die Nadeshda gern zum Abendessen auf einem Margarinebrot isst. Lecker, wenn das Salz, das sie auf die Rettichscheiben streut, die Radieschen zum Schwitzen bringt. Die stacheligen, dicken Blätter wirft Nadeshda in den Mixer und macht mit Saft und Nussmus einen feinen Trunk daraus. Der Großvater, der nun still und klein im Krankenhaus liegt, liebte jede Jahreszeit, aber den Frühling besonders. „Im Frühling kommt es darauf an“, sagte er stets. Ja, es kam darauf an. Die Saat wurde gelegt, und dann hieß es Unkraut jäten und gießen, gießen, gießen. Oder sorgenvoll in den Himmel schauen, wenn es nicht aufhört zu regnen.

Aber heute scheint die Sonne und Nadeshda wird nachher ins Krankenhaus fahren. Sie hat auf dem Nachttischchen des Großvaters ein Büchlein gefunden. Ein zerlesener Gedichtband ist es, mit Stücken von Hesse, Rilke, Dürrenmatt. Die Seiten sind speckig und dünn und Nadeshda freut sich, dem Großvater daraus vorzulesen. Er liegt immer noch wie ein Vögelein in seinem Bett, aber er muss nicht mehr beatmet werden. Sein Herz schlägt, seine Lungen füllen sich regelmäßig mit Luft. Manchmal atmet er schwer und rasselnd, manchmal leicht und still und nie weiß Nadeshda, ob das gut oder schlecht ist und immer hat sie Angst um den nächsten Atemzug.

Der Großvater ist oft böse und streng, wie viele Male musste sie weinen und Klimmzüge machen, wenn sie wütend war. Aber er ist ihr Alltag, ihr Gerüst, ihre Daseinsberechtigung. Sie weiß nicht, was sie tun sollte, wenn der Großvater fort geht. Sie hat kein anderes Zuhause als dieses alte Haus mit den gelblichen Wandvertäfelungen, mit der kleinen Küche ohne Spülmaschine und mit dem schiefen Dach. Die Turnhalle in der Scheune ist ihr Ankerpunkt, ihre Versicherung und ihr Ventil. Und wenn der Großvater nicht mehr lebt, dann wollen die Onkel und Tanten sicher das Haus verkaufen. Dann muss Nadeshda gehen.

Die Hündin Freya hat sich in all ihrer Schönheit in der Spätfrühlingssonne ausgebreitet. Ihr kupferfarbenes Fell glänzt und scheint. Nadeshda klopft sich die sandigen Hände am Hosenboden ab und kniet sich zu dem Tier. „Na, meine Schöne? Wollen wir eine Runde drehen?“

Auf dem Weg durchs Dorf treffen die Beiden auf Peet, den Nachbarn mit den wilden Locken und dem Bauwagen im Garten. Er fragt Nadeshda nach dem Großvater und sie antwortet: „Es geht ihm besser, aber er ist immer noch sehr schwach.“ Peet möchte wissen, ob der Großvater wieder nach Hause kommen wird. „Das hoffe ich und ich weiß, dass er es möchte. Aber die Onkel und Tanten wollen ihn in ein Heim stecken.“ Nadeshda schaut auf ihre Schuhspitzen. Schon seit Tagen steht das Telefon nicht still und Tante Sonja und Onkel Falk und seine Frau Brigitte rufen aufgeregt in den Hörer, dass es so nicht weiter ginge, sie reden von Verantwortung und von Pflegebetten und Pflegegraden und von Krankenkassen-Berichten und Lähmungen und vom Tod. Nadeshda schauert zusammen und blickt Peet an. „Heute Nachmittag fahre ich ihn besuchen. Es geht ihm jeden Tag ein bisschen besser.“ „Dann grüße ihn bitte von mir und sage ihm, dass ich ihn bald wieder auf der Dorfstraße spazieren gehen sehen möchte.“ Peet lächelt und legt Nadeshda eine Hand auf die Schulter. Das ist ein seltsames Gefühl, aber es ist auch ein bisschen schön.

Auf dem Weg durch die Wiesen denkt Nadeshda darüber nach, wie sie den Großvater zu Hause pflegen kann. Ob ein Nachbar ihn die Treppe hinauftragen wird? Braucht sie vielleicht ein besonderes Bett für ihn? Oder können die Sanitäter das machen? Sie stellt sich vor, wie der Großvater in einem Pflegebett in seinem Zimmer thront und Anweisungen gibt. Sie wird ihm Suppe kochen und Brotbrocken hineintunken, sie wird ihm vom Garten erzählen und ihm Radieschen in feine Scheiben schneiden, damit er den Rettichgeschmack auf der Zunge fühlen kann.


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