Krochowski schaltet den Fernseher aus. Draußen ist es dunkel geworden, und das blaubunte Licht des Geräts hat hektische Schatten an die Wände geworfen. Nun ist es dunkel. In der Küche über dem Herd brennt noch ein kleines Licht. Krochowski tappt barfuß dorthin, steht dann gedankenverloren im Lichtkreis. Sein dünnes, lockiges Haar steht wirr von seinem Kopf ab. Er greift nach der zerknitterten Tablettenschachtel, fingert den Blister heraus und drückt eine kleine, weiße Tablette aus dem Plastik. Bitter liegt die Pille auf der Zunge, kratzig rutscht sie langsam den Hals hinunter, als Krochowski mit Wasser aus dem Hahn nachspült.

Krochowski geht pinkeln, dann steigt er die knarrende Treppe ins Obergeschoss. Im Schlafzimmer schiebt er mit den Füßen den Bettvorleger mit den plattgetretenen Fransen zurecht, dann lässt er sich ächzend auf die Matratze sinken. Kurz sitzt er da und schaut, dann legt er sich hin zieht die Decke über sich und legt die Hände auf die Brust. Er schaut an die Decke, auf der die Straßenlaterne ein Fenstermuster malt. Die Stille im Haus ist so laut, dass ihm die Ohren dröhnen. Das Haus ist eine Blase aus Einsamkeit, und er ist darin gefangen. Die Einsamkeit ist dunkelblau und hart. Sie ist um ihn herum und in ihm. Die Einsamkeit rumort in seinem Bauch, es fühlt sich ein bisschen an wie Übelkeit. Katrin. Warum hatte sein Nachbar nach ihr gefragt? Krochowski hatte sie fast schon vergessen. Ihre dralle Gestallt, ihr Lachen, ihre Wutausbrüche. Nun war sie wieder da, schwebte als Erinnerung unter der Zimmerdecke.

Krowochwski seufzt und dreht sich auf die Seite. Eine Hand legt er unter seine Wange. Er denkt an Morgen. Er muss zum Jobcenter. „Wir wollen über berufliche Perspektiven sprechen“ stand in dem Schreiben. „Bitte bringen Sie Belege für Ihre bisherigen Bemühungen um eine Arbeitsstelle mit.“ Pah. Berufliche Perspektiven für einen Lokführer, der sich einpisst, wenn ein Mädchen auf die Straße fällt. Krochowski seufzt wieder und wälzt sich auf die andere Seite. Was soll das bringen?

Am nächsten Morgen sitzt er gewaschen und gekämmt auf einer der zweckmäßigen Plastikstühle im Flur des Jobcenters. Im Zimmer A211 arbeitet seine Sachbearbeiterin. Er ist pünktlich, und wie immer, wenn er einen Termin hat, weiß er nicht, ob er klopfen oder warten soll. Einmal hat er geklopft und die Sachbearbeiterin hat gerufen: „Einen Moment, ich rufe sie gleich auf!“ Seither sitzt er zu den Terminen still auf dem Stuhl vor dem Zimmer und fragt sich, ob er sich nicht doch lieber bemerkbar machen sollte. Seine Füße stehen auf dem graugelben Linoleum, dessen Marmorierung aussieht, als hätte jemand versucht, etwas ekliges mit den Füßen zu verwischen. Das Neonlicht der Deckenleuchten spiegelt sich in der glänzenden Oberfläche. Es riecht nach Staub und Papier und nach Kaffee.

„Herr Krochowski, da sind sie ja! Warum kommen Sie denn nicht einfach rein?“ Die Mitarbeiterin des Jobcenters hat die Tür geöffnet, nun steht sie da und winkt ihn zackig in ihr Büro. Krochowski steht auf, streicht sich die Hose glatt und folgt der Frau. Er setzt sich auf die Kante des angebotenen Stuhls und lässt den Blick durch den Raum schweifen. Nüchterne hellgraue Möbel, ein Kalender mit einer Baumreihe, eine Tasse mit Katzenmotiv, eine kleine Blume mit roten Blüten in einen Topf mit aufgemalten Lach-Gesicht.

Die Sachbearbeiterin blättert in seiner Akte. Lauter graubraune Blätter in einer roten Mappe aus Karton. Dann tippt sie auf ihrer Tastatur, blickt auf den Bildschirm. Sie räuspert sich und sagt, ohne ihn anzublicken: „Herr Krochowski, sie leben seit drei Jahren im Landkreis und beziehen Leistungen des Jobcenters. Haben Sie seit unserem letzten Termin Ideen entwickelt, wie Sie zurück in den Arbeitsmarkt kommen können?“ Krochowski rutscht auf dem Stuhl hin und her, unter seinen Achseln hat sich eine unangenehme Feuchte ausgebreitet. „Nein“, sagt er und blickt auf seine Schuhe. Und dann noch: „Keine Idee.“

„Herr Krochowski, Sie sind 52 Jahre alt. Sie haben bis zur Rente noch ein weites Stück zu gehen, und ich möchte Sie darauf hinweisen, dass die Solidargemeinschaft im Moment für Ihren Unterhalt aufkommt.“ Die Frau blickt ihn streng an. Unter ihrem gelben Häkelpulli zeichnen sich ein enges Unterhemd und ein paar Speckröllchen ab. Sie raschelt in den Unterlagen und murmelt: „Dienst bei der Nationalen Volksarmee, Lokführer bei der Deutschen Bahn… keine weitere Qualifikation?“ Sie schüttelt langsam den Kopf und blickt ihn schließlich an.

„Es gibt eine neue Wiedereingliederungsmaßnahme. Sie können sich zum Garten- und Landschaftsbauer ausbilden lassen. Die Maßnahme startet am 1. Mai, und ich werde Sie dort anmelden.“ „Aber…“ Krochowski macht den Mund auf, dann klappt er ihn wieder zu. Er denkt an den Garten um sein Haus, an die wuchernden Brennnesseln und den Efeu am Schuppen.“ Ein bisschen Gesellschaft werde ihm gut tun, sagt die Sachbearbeiterin. Im Übrigen habe er keine Wahl: „Wenn Sie zu der Maßnahme nicht erscheinen, wird das rechtliche Konsequenzen haben, Herr Krochowski.“ Die Frau hebt den Kopf und fragt: „Wissen Sie, was das heißt?“ Krochowski verneint stumm. „Das heißt, dass wir unsere Zahlungen an Sie einstellen.“ Dann steht sie auf, geht zur Tür und schaut ihn auffordernd an. Er scheint fertig zu sein. Krochowski verheddert sich beim Aufstehen mit dem Schuh an einem Stuhlbein. Er befreit sich und tappt hinaus.

Dann steht er auf dem grauen Parkplatz vorm Jobcenter. Gesellschaft. Menschen. Gartenbau. Zahlungen einstellen. Sein Herz zieht sich zusammen. Das geht nicht, das kann er nicht. Er steigt in seinen alten Ford und rettet sich. Nach Hause.


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