Nadeshda setzt sich in das Auto, fährt rückwärts aus dem Carport, wendet und hält vor der Haustür. Da steht der Großvater, kerzengerade, das weiße Haar umflort seinen Kopf. Den Stock hält er fest in der knotigen Hand. Einkaufen will er, und zum Arzt müssen sie, die Blutwerte abholen.

Nadeshda wappnet sich. Der Großvater ist ein strenger Mann. Streng und unberechenbar. Immer soll sie wissen, was er erwartet und denkt, stets muss sie ihm zu Willen sein, sonst bekommt er einen bösen Wutanfall, der macht, dass sie sich fühlt wie eine Sechsjährige. Ganz klein und hilflos. „Aber heute wird alles gutgehen“, denkt sie und lächelt mutig. Dann steigt sie aus, führt den Alten um den Wagen herum, öffnet die Tür und hält ihm beim Einsteigen am Arm. Mit einer ungeduldigen Bewegung entzieht sich der Großvater ihrem Griff und lässt sich auf das Polster rutschen.

Die Fahrt nach Lüchow legen sie schweigend zurück, nur einmal, als sie am Feld der Pohlmanns vorbeikommen, auf dem noch die Maispflanzen des Vorjahres stehen, knurrt er: „Sauwirtschaft“. Sie passieren Paskewitz, Branden und dann die alte Mühle. Kurz vor Lüchow kommen sie an einer Unfallstelle vorbei. Ein Mädchen ist mit dem Fahrrad gestürzt, ein roter Kleinwagen steht quer auf der Straße. Nadeshda muss scharf bremsen, als das Auto zurücksetzt, wendet und die Straße zurück nach Branden nimmt. Den Großvater scheint das nicht zu interessieren. Er sitzt auf dem Beifahrersitz und schaut aus dem Fenster wie ein König, der eine Prozession anführt. Nadeshda wundert sich, dass der Alte nicht hoheitsvoll aus dem Fenster winkt, als sie eine Gruppe von Jugendlichen passieren.

Der Arzt in Lüchow ist nicht zufrieden mit den Eisenwerten des Großvaters. Er zieht dem alten Mann ein Unterlid herunter und schnalzt missbilligend mit der Zunge. Dann stellt er ein Rezept für Eisenkapseln aus. Im Auto sagt der Alte: „Solche Kapseln müssen wir gar nicht abholen. Ich ernähre mich gesund, das reicht. Mach mir nachher einen Brennesseltrunk.“ Dann schaut er wieder aus dem Fenster und schweigt. Er hat schlechte Laune. Ein Mann wie er hat keine schlechten Eisenwerte.

Sie fahren ins Reformhaus, kaufen Mandeln, Kieselalgen, Weizengrassaft. Nadeshda legt noch eine Dose Eiweißpulver in den Korb. Der Großvater rümpft die Nase, aber er zahlt ohne zu murren. Nadeshda wirft ihren Zopf in den Nacken und lächelt ganz leise. Vielleicht wird diese Fahrt gut enden.

Doch auf dem Heimweg beginnt der Großvater, ihr eine Rede zu halten. Er fängt mit dem Eiweißpulver an, das „kein gesundes deutsches Mädchen“ brauche. Er macht weiter mit ihrer Schlaffheit, ihrer Unordnung, ihrer mangelnden Disziplin. Der Garten! Das Haus! Alles muss er alleine machen. Als alter Mann! Wenn er nicht so viel Kraft hätte, würden sie im Chaos hausen. Er fuchtelt mit den Händen, der Stock rutscht ihm von den Knien. Während er zetert, fliegen kleine Speicheltropfen durch die Luft. Sie fliegen bis nach vorn an die Windschutzscheibe, so wütend ist der Großvater.

Nadeshda lenkt stumm den Wagen, sie muss sich konzentrieren, um nicht zu weinen. Ihre Hände umklammern das Lenkrad, sie schiebt den weichen Schaumstoff unter den Fingern hin und her, um sich abzulenken. Sie sagt im Geiste den „Prometheus“ auf, sie zählt die Linien auf der Landstraße. Dann endlich biegt sie mit dem Großvater nach Klein Schmaldau ein. Sie fahren den Holperweg auf den Hof, Nadeshda hilft dem Großvater aus dem Wagen. Der Alte hinkt zur Tür, immer noch schimpfend. „Schlampe“ hört sie, „Dreck“ und „alleine“. Sie lenkt das Auto in den Carport, und dann sitzt sie dort und kann nicht aussteigen. Nadeshda weint. Und weint.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert